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Sew'jan Weinshtein
GEHEIMNISVOLLES TUWA

- Expeditionen in das Herz Asiens


Leseprobe:

Kapitel 1
AUF TAIGAPFADEN IN TODSHA

Gibt es wohl einen Ort,
an den der Mensch zu Fuß nicht gelangt?
Gibt es wohl einen Ort,
den der Mensch zu Pferde nicht erreicht?

Aus einem tuwinischen Lied

Aus meinem Expeditionstagebuch

Seit jenem Tage, an dem ich in Tuwa begann, ein Tagebuch über meine Feldforschungen zu führen, sind viele Jahre ins Land gegangen. Nun liegt es wieder vor mir, zerfledert, die Schrift verblichen. Auf manchen Blättern sind noch Flecken zu sehen, die von zerdrückten Schnaken und Mücken stammen, und etliche Zeilen kann man kaum noch entziffern.

Ich schlage die erste Seite auf, die mit einer Eintragung vom 7. Juli 1951 beginnt. Und schon ersteht vor meinen Augen wieder jener längst verflossene Tag in allen Einzelheiten, die ich längst vergessen glaubte…

Da fahren wir also am frühen Morgen - nun schon den dritten Tag hintereinander - in einem alten klapprigen Bus wieder zum "Flughafen Kysyl", wie das mit spärlichen Büschen bestandene staubige Flugfeld mit den wenigen kleinen Flugzeugen und dem Holzhäuschen für die Passagiere hier hochstaplerisch genannt wird. Nach wie vor haben wir die Absicht, nach Todsha zu fliegen - in eine schwer zugängliche gebirgige Region in Tuwa, die eben leider nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist. Auf der Route dorthin aber herrscht wieder schlechtes Wetter, und wie es aussieht, werden wir zum Abend wahrscheinlich erneut nach Hause zurückkehren müssen; dabei ist doch unsere Zeit für diese Expedition höchst knapp bemessen. Von dem langen Warten entnervt, hocken wir entweder auf den Bänken oder stapfen um unser nicht allzu umfangreiches Expeditionsgepäck herum. Noch habe ich ein Fünkchen Hoffnung im Herzen, laufe nun schon das x-te Mal zum Schalter des Dispatchers, bekomme aber immer wieder dasselbe gesagt: "Die Pässe sind zu. Sie müssen warten!"

Wir sind zu zweit hier - außer mir noch mein Expeditionsgehilfe, der sympathische junge Tuwiner Baltschiba Naiden-ool. Als Kind hat Baltschiba Vieh gehütet, dann die Mittelschule besucht, und heute lebt er in Kysyl, arbeitet im Archiv der Oblast. Er hat eine Vorliebe für Literatur, befaßt sich auch mit dem Übersetzen russischer Klassiker ins Tuwinische, und er träumt davon, an der Universität Moskau zu studieren. Jetzt freut er sich über die Möglichkeit, einmal nach Todsha zu kommen, stammt er doch aus der Steppe Zentraltuwas und hat er doch noch nie die Taiga des Sajan zu Gesicht bekommen. Ich konnte seinerzeit noch nicht allzu gut Tuwinisch, und so gehörte es neben vielem anderen zu Baltschibas Obliegenheiten, bei Bedarf auch zu dolmetschen.

Wie immer im Hochsommer ist es heute trocken und heiß. Plötzlich aber kommt böiger Wind auf - mit ungeheurer Geschwindigkeit treibt ein "Kysylregen" Wolken voll stechendem Sand und Staub heran. Der Sand dringt in Augen und Ohren, knirscht unangenehm zwischen den Zähnen, es verschlägt einem förmlich den Atem. Dummerweise haben weder Baltschiba noch ich Motorradbrillen mitgenommen, mit denen die Einwohner von Kysyl gewöhnlich ihre Augen bei Sandsturm zu schützen pflegen, und so trauen wir uns kaum noch, den verräucherten Warteraum zu verlassen.

Als es schon so gut wie keine Hoffnung mehr zu geben scheint, kommt der Dispatcher plötzlich auf mich zu und teilt mir sichtlich erleichtert mit: "Es ist jetzt Flugwetter, gehen Sie zum Rollfeld!" Rasch werfen wir uns das Gepäck auf die Schulter und rennen über die von der Sonne ausgeglühte, geborstene Erde. Über uns blaut wieder ein ungewöhnlich klarer Himmel. Wir sind selbst ganz verwundert, daß es uns gelingt, über die Tragfläche in die allen Winden offene Kabine des kleinen Dreisitzers zu gelangen. Das Flugzeug nimmt einen kurzen Anlauf, und schon befinden wir uns in der Luft.

Deutlich sehen wir unter uns am linken Ufer des Jenissej die Stadt mit ihren eingeschossigen Häusern liegen. Zwei blaue Flüsse, der Bi-Chem ("Großer Jenissej") und der Ka-Chem ("Kleiner Jenissej"), vereinigen sich am Stadtrand zum eigentlichen Jenissej, der im Tuwinischen Ulug-Chem ("Großer Fluß") genannt wird. Und das ist wahrlich nicht übertrieben, der Jenissej ist tatsächlich ein großer, mächtiger Strom. Auf seinem Lauf nach Norden quert er das gewaltige Sajangebirge und eilt dann durch schier endlose Steppe, durch Taiga und Tundra dem Arktischen Ozean entgegen.

Ich werfe noch einen letzten Blick hinunter auf die "Rote Stadt", auf Kysyl. Der von russischen Siedlern 1914 gegründete Ort hieß anfangs Belozarsk, wurde aber 1920 in Krasny - tuwinisch Kysyl - umbenannt. Inmitten der Steppe gelegen, von Nomadenlagern umgeben, entwickelte sich Kysyl nur sehr langsam. Unter unserem Flugzeug huschen jetzt gedrungene, meist aus Holz errichtete Häuser vorbei, die häufig flache Dächer haben. Deutlich zeichnen sich die schnurgeraden Straßen ab, erkennt man vereinzelte Autos, die riesige Staubwolken aufwirbeln. Unwillkürlich suche ich die Stadtviertel nach dem mir so vertrauten Gebäude des Tuwinischen Landesmuseums ab, in dem ich nun schon seit etwa einem Jahr tätig bin. Ein Stückchen davon entfernt kann ich in Nähe des Jenissej-Ufers im Hof des Kraftwerks sogar den von unbekannter Hand aufgestellten kleinen grauen Obelisken erkennen, der den Mittelpunkt Asiens kennzeichnet. (Heute steht dieser als hohe Stele neugestaltete Obelisk übrigens unmittelbar am Ufer des Flusses.) Unweit der Stadt hebt sich auf Inseln im Jenissej ein großer Park grün ab, um ihn herum aber verbrannte hellbraune Steppe, in blauem Dunst verschwimmen die Silhouetten eines fernen Gebirges. Und hinter diesem liegt Todsha.

Geheimnisvolles und doch so vertrautes Tuwa
Nach Tuwa kam ich erstmalig 1950, nachdem ich an der Universität Moskau ein Ethnographiestudium abgeschlossen hatte. Ich erhielt eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Landesmuseum in Kysyl.

Während meines Studiums hatte ich mich vor allem mit den Keten beschäftigt, einer damals noch sehr wenig erforschten sibirischen Völkerschaft im Einzugsgebiet des mittleren Jenissej. Eine besonders interessante Ketengruppe lebt an der Podkamennaja (Steinigen) Tunguska, jenem Jenissej-Nebenfluß, in dessen Einzugsgebiet zu Beginn unseres Jahrhunderts ein riesiger Meteorit niedergegangen ist; sein Auftauchen beschäftigt die Gemüter der Wissenschaftler auch heute noch. Bei diesen Keten habe ich zweimal, 1948 und 1949, in Expeditionen mitgearbeitet, insgesamt ein halbes Jahr unter ihnen gelebt. Die äußerlich den nordamerikanischen Indianern ähnelnden Keten betrieben zu jener Zeit in der Taiga Jagd und Fischfang. Außer Hunden hielten sie keine Haustiere. Bei ihnen bestand noch die Gentil- und Phratrienordnung, und man konnte noch so manche Relikte der Urgesellschaft beobachten.

Bei meiner Arbeit unter den Keten hatte ich festgestellt, daß ein Teil ihrer Vorfahren in ferner Vergangenheit aus den südlichen Regionen Sibiriens nach Norden gewandert waren. Ihr am weitesten südlich gelegenes Siedlungsgebiet war Tuwa gewesen, genauer gesagt, dessen gebirgiger Nordostteil, nämlich Todsha, wo es sogar noch Flüsse mit ketischen Namen gibt. Bei der Suche nach der Urheimat der Keten war ich eben auf dieses Todsha gestoßen! Und so war ich froh, daß ich gerade hier eingesetzt wurde.

Jetzt sollte ich also unter den Tuwinern arbeiten. Von denen aber wußte ich noch recht wenig, und auch Literatur über sie gab es damals so gut wie keine.

Erste Bekanntschaft mit diesem Land hatte ich übrigens schon in meinen ersten Schuljahren geschlossen. Ich begann damals nämlich, Briefmarken zu sammeln, und tauschte eines Tages bei einem Jungen aus der Nachbarschaft eine Serie ungewöhnlich hübscher Marken aus Tuwa ein. Da war auf einer ein Taigajäger abgebildet, der gegen einen Bären kämpfte; auf einer anderen fing ein Jäger mit einem Lasso geschickt ein Rentier ein, und auf einer dritten schoß ein Jäger gerade einen Pfeil auf einen Fuchs ab. Die Marken machten mich mit wunderbaren Landschaften eines geheimnisvollen fernen Landes bekannt - man sah spitze Tschum und niedrige Jurten, Kamelkarawanen oder mit dem bescheidenen Hausrat von Nomaden beladene Ochsen, die sich mühsam durch die Steppe schleppen. Schon damals wollte ich mehr über Tuwa wissen, fand aber in unserer Schulbibliothek leider keine entsprechenden Bücher über die damalige Volksrepublik Tuwa.

Vor meiner Abreise nach Tuwa verbrachte ich die ganze mir noch verbleibende Zeit in der Leninbibliothek, damals Moskaus größte Bibliothek, studierte dort alles, was ich über jenes Land fand. Und dann nahm ich für viele Jahre Abschied von meiner Heimatstadt, fuhr nach Kysyl: Eine Woche lang mit der Bahn bis nach Abakan, einer damals noch kleinen Stadt inmitten der südsibirischen Steppe, von dort im Fahrerhaus eines LKW fast vierundzwanzig Stunden lang auf dem am Fluß Us entlang führenden Trakt über den Westsajan hinweg. Eine Eisenbahn nach Tuwa gab es nicht - auch heute gibt es noch keine -, und Busse verkehrten nur einige Male im Monat dorthin.

In Kysyl übernahm ich das Amt des Kommissarischen Direktors des Landesmuseums, dessen wissenschaftliches Personal übrigens aus ganzen zwei Mitarbeitern bestand. Es galt, ethnographisches Material zu sammeln, damit eine Ausstellung aufzubauen, und wir sollten unverzüglich an die Arbeit gehen. So hatte ich also schon einige Kurzreisen durch die Steppengebiete unternommen, und jetzt war ich nun auf dem Flug nach Todsha…

Tuwa liegt im Herzen des asiatischen Kontinents, es gibt auf der ganzen Erde keine andere Region, die so weit von den Ozeanen entfernt ist. Das ist auch der Grund, weshalb die Sommer in der tuwinischen Steppe so heiß, die Winter dagegen so außergewöhnlich kalt sind. Durch die geographische Lage des Landes bedingt, weist dessen Natur eine Reihe einmaliger Besonderheiten auf. So leben hier einträchtig nebeneinander das Rentier, an sich ein Bewohner von Taiga und Tundra, und das Kamel, das "Schiff der Wüste", das Schneehuhn, das in der kalten Arktis heimisch ist, und die Trappe, ein Vogel der Steppe. Fast die Hälfte des Landes nehmen Gebirge ein, die Höhen von 2500, 3000 Metern erreichen. Auch die Grenzen Tuwas verlaufen im wesentlichen auf Gebirgskämmen: im Nordwesten und Norden auf dem des Westsajan, im Nordosten des Ostsajan; im Westen bilden die hohen Gipfel des Altai die Grenze, und nur im Süden, wo Tuwa an die Mongolische Volksrepublik grenzt, erstrecken sich flache Halbwüsten. Die Gebiete zwischen den Gebirgen werden in West-, Zentral- und Südtuwa von Steppen eingenommen, während der gesamte Nordosten der Republik von Taiga, also von Wald bedeckt ist.

Tuwa nimmt eine Fläche von 170 500 km2 ein, ist also etwa anderthalbmal so groß wie die ehemalige DDR. Die Bevölkerungsdichte ist allerdings gering, sie beträgt gegenwärtig nur 1,8 Menschen je Quadratkilometer, zur Zeit meiner Reise dorthin war sie noch geringer. Anfang der fünfziger Jahre zählte man nämlich nur rund neunzigtausend Tuwiner, doch auf Grund des raschen Zuwachses verdoppelte sich diese Zahl inzwischen. Auch zahlreiche Russen und Vertreter anderer Nationalitäten leben in Tuwa, dessen Bevölkerung heute insgesamt etwa 300 000 beträgt.

Die Tuwiner sind, anthropologisch gesehen, typische Mongoloide; sie selbst nennen sich Tywa. Das Tuwinische gehört zu den Turksprachen. Im 16. Jahrhundert fand der Buddhismus hier Verbreitung, aber bis in jüngste Zeit waren noch alte vorbuddhistische heidnische Glaubensvorstellungen sehr lebendig, insbesondere der Schamanismus.

Die Tuwiner der Steppe sind jahrhundertelang nomadisierende Viehzüchter gewesen. Sie hielten Rinder, Ziegen und Schafe, Pferde und Kamele, die Bergbewohner auch Yaks. Die Bewohner der Taiga im Sajan dagegen waren nomadisierende Rentierzüchter und Jäger. Ethnologisch exakt ausgedrückt, könnte man sagen, es existierten bei den Tuwinern zwei unterschiedliche Wirtschafts- und Kulturtypen - der des nomadisierenden Viehzüchters der Steppe und der des Rentierzüchters und Jägers der Taiga.

Die Geschichte Tuwas verliert sich in fernster Vergangenheit. An Hand von Funden der letzten Jahre konnte man feststellen, daß hier schon in der Altsteinzeit Jäger dem Mammut, dem Nashorn und dem Bison nachgestellt haben. Vor etwa zweieinhalbtausend Jahren, zur sogenannten Skythenzeit, sind in der tuwinischen Steppe Nomadenstämme aufgetaucht, die eine erstaunlich hohe Kunst besaßen; man hat hier bewundernswerte Zeugnisse dafür gefunden.

Zu Beginn unserer Zeitrechnung setzten sich von hier aus wie auch aus anderen Gebieten Zentralasiens durch nichts aufzuhaltende Wellen von Eroberern in Richtung Westen in Bewegung - die Hunnen, die innerhalb weniger Jahrhunderte bis Mitteleuropa gelangten. Das war der Beginn der großen Völkerwanderung.

Zum Verband der Hunnen gehörten auch ferne Vorfahren der Tuwiner, die sich allerdings auf ihrem Weg nach Westen mit anderen Völkerschaften vermischten, und damit änderte sich ihre ethnische Zusammensetzung. Es sind in Tuwa ausgedehnte Gräberfelder einheimischer Stämme aus der Hunnenzeit erhalten geblieben, darunter die von Kokel, wo wir, wie später noch ausführlicher berichtet wird, an die tausend Einzelgräber freilegen konnten.

Im frühen Mittelalter gehörte Tuwa zu einem mächtigen Staat alter Turkvölker, an die noch Hunderte von Hügelgräbern, sogenannte Kurgane, ferner Steinplastiken und zahlreiche alte Runeninschriften erinnern. Wie mögen die jenen alten Stämmen angehörenden Menschen ausgesehen haben? Waren auch sie, wie die Tuwiner, Mongoloide? Über die älteste Bevölkerung Zentralasiens wissen wir kaum etwas. In der Skythenzeit aber, also im 5.bis 3. Jahrhundert v.Chr., haben hier am weitesten nach Osten vorgedrungene Stämme hellhäutiger, vielleicht sogar bläuäugiger Europoiden gelebt. Später ist dann in immer stärkerem Umfang eine mongolide Bevölkerung eingesickert, aber selbst noch tausend Jahre später, gegen Mitte des 1. Jahrtausends, als hier schon Turkstämme siedelten, waren unter diesen noch Menschen mit europoiden Gesichtszügen anzutreffen.

In Tuwas Steppen wurden fast ununterbrochen Kriege geführt. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends wurde dieses Gebiet Teil des mächtigen Reichs der Uiguren, die Zentralasien erobert hatten. Deren Festungen hat man in mehreren Gegenden Tuwas entdeckt; eine davon, sie liegt im Quellgebiet des Kleinen Jenissej auf einer Insel im See Tere-Chol, war sogar Residenz eines Uiguren-Chans gewesen.

Tuwas Geschichte ist reich an dramatischen Ereignissen, wenn auch vieles den Forschern bisher weitgehend verborgen geblieben ist. Wenigstens eines dieser Geschehnisse sei hier aber erwähnt: die verheerenden Einfälle der Mongolenhorden in die Länder Europas und Asiens im Mittelalter. In den Stoßtrupps der Garde Tschinggis-Chans waren auch Männer vertreten, die in Tuwa ansässigen Stämmen angehörten und in den Chroniken als Urjankat bezeichnet werden. Die literarischen Denkmale beschreiben sie als kriegerische, kühne Männer. Einer von ihnen, der grausame, aber erfolgreiche Heerführer Subudej, leitete praktisch den blutigen Feldzug Batu-Chans, den dieser in den Jahren 1237/38 gegen die alte Rus unternahm.

Die Tuwiner haben schlimme Zeiten durchgemacht. Eine dieser Prüfungen war im 18. Jahrhundert die Eroberung ihres Landes durch die Mandschu-Dynastie, deren Herrschaft bis 1911 andauerte. 1921 wurde die Tuwinische Volksrepublik gebildet, die eng mit der Sowjetunion verbunden war. 1930 wurde auch eine tuwinische Schrift geschaffen, erste Bücher und Zeitungen in tuwinischer Sprache erschienen, junge tuwinische Schriftsteller veröffentlichten Gedichte und Erzählungen. Es fand eine Massenkampagne zur Beseitigung des Analphabetentums statt. Kurz vor Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde die Tuwinische Volksrepublik in die UdSSR aufgenommen. Bald darauf wurde mit der Umwandlung der nomadisierenden Lebensweise in eine seßhafte sowie mit der Kollektivierung begonnen. Überall in Tuva wurden Kolchosen geschaffen und Siedlungen errichtet. In vielem wurde ein gewaltsamer Bruch mit der durch Jahrhunderte gewachsenen traditionellen Nomadenkultur vollzogen.

Die in den 1990iger Jahren in Rußland eingeleiteten radikalen sozialen und ökonomischen Reformen führten ebenfalls zu bedeutsamen Veränderungen in Tuwa. Heute führt Tuwa die offizielle Bezeichnung "Republik Tuva", nach der Eigenbenennung der Tuwinern. "Tyva" ist also eine der nationalen Republiken der Russischen Föderation mit einem Parlament und einem Präsidenten. Zielgerichtet werden traditionelle kulturelle Lebensformen, darunter der Buddhismus in der lamaistischen Form und der Schamanismus, wiederbelebt. Fast alle Kolchosen und Sovchosen wurden aufgelöst. Wiedererstanden ist die private Vieh- und Rentierwirtschaft; eine Reihe von Familien hat erneut den Übergang zum ganzjährigen Nomadisieren vollzogen.

Einige Zeitungen werden heute in tuvinischer und in russischer Sprache herausgegeben; in den gleichen Sprachen erscheinen Bücher. In der Hauptstadt der Republik, Kyzyl, befinden sich die Regierungsinstitutionen, ein musikalisch-dramatisches Theater, ein Museum, die staatliche Universität und ein Institut für Geisteswissenschaften; neue Wohnkomplexe werden errichtet. Die Anzahl der Tuwiner beträgt etwa 200.000 Personen, die russischsprachige Bevölkerung, vorwiegend Russen, besteht aus etwa 100.000 Personen. In diesem Buch erzählt der Autor anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen von seiner Sicht auf Tuwa und die Tuwiner, berichtet über seine Reisen in diesem weit entfernten Land und sein Studium der Volkskultur, beginnend im Jahre 1950 bis zur heutigen Zeit.

Erste, allerdings sehr lückenhafte Berichte über die Tuwiner gab es in Rußland schon Ende des 18. Jahrhunderts. Sie stammten von einer von Simon Pallas geleiteten Expedition der Akademie der Wissenschaften. Diese Expedition ist selbst nicht in Tuwa gewesen, Angaben über dessen Bevölkerung lieferten ihr benachbarte Völkerschaften. Etwas später veröffentlichte auch der russische Beamte Pesterew, der in den an Nordtuwa grenzenden Gebieten gearbeitet hatte, seine Beobachtungen. Der erste Wissenschaftler, der Tuwa besuchte, war Wilhelm Radloff. Im Sommer 1861 gelang es ihm, vom Altai aus eine kurze Reise dorthin zu unternehmen, aber während seines nur sechstägigen Aufenthalts unter Tuwinern schaffte er es dennoch, eine Menge Material über dieses seinerzeit so gut wie unbekannte Volk zu sammeln.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten mehrere Expeditionen von Ethnologen unter den Tuwinern, auch die des namhaften russischen Zentralasienforschers Grigori Potanin. Besonders wertvolles ethnographisches Materal sammelte in den Jahren 1903/04 Feliks Kon, den die zaristische Regierung wegen revolutionärer Tätigkeit nach Sibirien verbannt hatte. Ihm glückte es, Reisen in fast alle Teile Tuwas zu unternehmen, auch nach Todsha. Obwohl das von ihm veröffentlichte Buch "Expedition nach Sojotien (1)" nur so etwas wie eine Skizze über bestimmte Seiten in der Lebensweise der Tuwiner darstellte, war es doch wohl das beste über dieses ferne Land jenseits des Sajan, worüber die Ethnographie bis Mitte des 20. Jahrhunderts verfügte.
(1) Sojotien ist die veraltete Bezeichnung für Tuwa

Im Jahre 1926 brach eine erste sowjetische anthropologisch-ethnologische Expedition nach Tuwa auf, und einer ihrer Mitarbeiter hat auch Todsha besucht. Leider ist aber das von ihr gesammelte Material bisher unveröffentlicht geblieben.

Als ich in Tuwa eintraf, war also für die Erforschung der Vergangenheit dieses Landes schon viel getan, doch gab es immer noch zahlreiche ungeklärte Fragen und besonders viele Rätsel auf archäologischem und ethnologischem Gebiet. Als Ziel meiner ersten Expedition wählte ich Todsha, weil diese Region der noch am wenigsten erforschte Teil von Tuwa war und, was die Archäologie anbelangt, buchstäblich einen weißen Fleck auf der Landkarte darstellte. In seiner Gebirgstaiga leben die ältesten Rentierzüchter Asiens. Einige Wissenschaftler, darunter auch der deutsche Historiker Otto Mänchen-Helfen, äußerten sogar die Ansicht, die Rentierzucht sei überhaupt erst hier aufgekommen und habe sich von hier aus dann über ganz Nordasien bis hin nach Skandinavien verbreitet. Wollte man diese interessante These überprüfen, mußte man sich zuvor also erst einmal gründlich mit der Rentierzucht in Todsha sowie mit der Archäologie dieser Region befassen.

Natürlich war mir klar, daß es für uns schwierig sein würde, bis zu den in der Gebirgstaiga verstreuten Lagern der Nomaden vorzudringen. Um diese aufzuspüren, würden wir zu Pferde Hunderte Kilometer auf Taigapfaden zurücklegen müssen. Es gab ja hier noch keine Hubschrauber, nicht einmal Autos, für die übrigens in der Taiga gar keine Straßen vorhanden gewesen wären. Von den Schwierigkeiten, die uns in Todsha erwarteten, vermitteln die Worte des bekannten russischen Geologen Sergej Obrutschew eine gute Vorstellung, dessen Expedition kurz vor uns im Sajan gewesen war. Todsha sei ein sehr abgeschiedenes Land, von der übrigen Welt isoliert durch Wälder, Sümpfe, hohe Berge und das Fehlen von Wegen. "Zu meinem großen Verdruß", so schrieb Obrutschew, "erwies es sich als unmöglich, in den Bergen Osttuwas zu Pferde überall dorthin zu gelangen, wohin man wollte. Pfade, die auch von Pferden benutzt werden könnten, gibt es nur wenige, und sie führen über die hochgelegenen Plateaus und die Bergketten, nicht aber durch die Täler. Dem Bi-Chem zu folgen, wie ich es geplant hatte, war völlig ausgeschlossen - nur dichter Wald, Sumpf, Felsen. Einen Reitpfad gibt es am Fluß nicht, kein Tuwiner wagt es, im Sommer am Bi-Chem zu Pferde, ja nicht einmal zu Fuß vorzudringen."

Ich war damals noch jung, kein Risiko konnte mich zurückhalten, mich auch nicht veranlassen, alles immer wieder aufs neue abzuwägen. Die lockenden Geheimnisse, die Todsha für mich als Ethnologen barg, drängten mich mit Macht zum Aufbruch.

"Abgeschiedenes Land"
Das Flugzeug näherte sich Todsha. Das Obrutschew-Gebirge war hinter uns zurückgeblieben, unter uns lag jetzt ein mit dunkelgrünem Wald bedeckter Kessel. Wir erblickten eine Menge himmelblauer Seen und Flüßchen sowie das breite Bett des Bi-Chem, und bald tauchte auch die kleine Siedlung Toora-Chem auf, Zentrum des Rayons Todsha.

Wir landeten auf einer von Taiga umstandenen Lichtung, die als "Flugplatz" diente. Deutlich spürten wir den Unterschied zwischen dem Klima der Steppe und dem der Taiga von Tuwa. Als wir aus Kysyl abflogen, herrschte dort drückende Hitze, hier aber spürte man die angenehme Frische und Kühle der Taiga. Unter den Füßen hatte man hier nicht sandiges Erdreich, sondern hohe weiche Grasnarbe.

Wir legten unser Gepäck zu dem Postgut, das von einem Fuhrwerk abgeholt wurde, und erreichten rasch Toora-Chem, eine recht schmucke Siedlung. An der von Holzhäuschen gesäumten Straße fielen das Gebäude des Rates des Rayons, Klub, Post, Krankenhaus und Schule besonders ins Auge. Die wenigen Passanten, die wir trafen, fast alle von relativ kleinem Wuchs, trugen entweder normale Straßenanzüge oder farbige tuwinische Chalate. Auffällig war, daß fast alle Frauen dunkle Baskenmützen trugen, die hier wohl gerade Mode waren.

Wir quartierten uns in dem kleinen Hotel ein und waren abends zu Gast bei Temir Erekt-ool, dem Vorsitzenden des Rates, einem stämmigen Todshiner von etwa vierzig Jahren. Er erkundigte sich eingehend nach unseren Plänen, versprach uns seine Hilfe und erzählte uns dann, es gebe schon zwei Kolchosen, deren Siedlungen gar nicht weit von hier gerade im Bau seien. Wir einigten uns dahingehend, daß wir uns erst einmal in die neue Siedlung Ij begeben und von dort dann versuchen sollten, bis zu Lagern von noch nomadisierenden, noch keinem Kolchos beigetretenen Rentierzüchtern sowie zu einer Rentierzüchterbrigade eines Kolchos zu gelangen, die sich zu jener Zeit am Oberlauf des Kadyr-Os aufhielt.

Abschließend brachte der Vorsitzende noch sein Bedauern zum Ausdruck, daß nur sehr selten einmal jemand aus anderen Landesteilen nach Todsha käme. Die Verbindung mit Kysyl, die ja nur mit Hilfe von Flugzeugen gewährleistet ist, sei wegen des häufig schlechten Wetters oft für längere Zeit unterbrochen. Lediglich im Winter gebe es noch eine allerdings sehr beschwerliche Schlittenroute auf Flüssen und über Pässe hinweg. Noch schwieriger und oft sogar völlig unmöglich aber sei es, zu den Bewohnern der Gebirgstaiga zu gelangen. Aus gutem Grunde werde Todsha als "Abgeschiedenes Land" bezeichnet.

Die Siedlung Ij
Der Weg nach Ij führt durch Wald, über den links Bergketten aufragen, während sich rechts ein weites Tal hinzieht. Ich staune immer wieder, wie wenig diese Wälder der Taiga gleichen, die ich vor zwei Jahren an der Steinigen Tunguska erlebt habe. Sie ähneln eigentlich mehr Parks - Gruppen weißstämmiger Birken, schlanke Kiefern und jahrhundertealte Lärchen wechseln ab mit Lichtungen, auf denen hohes Gras und viele Wildblumen stehen.

Doch schon naht vor uns am Ufer des schmalen Gebirgsflüßchens Ij die gleichnamige Siedlung. Ihre paar Holzhäuschen liegen verstreut zwischen Bäumen und wirken wie planlos in die Landschaft gestellt. Auffällig sind die spitzgipfligen Tschum, von denen einige mit dunkler Lärchen-, andere mit heller Birkenrinde gedeckt sind. Hier und da sieht man auch fensterlose fünfeckige "Blockjurten" sowie viereckige flache Rindenhütten. Anfangs bestaune ich sie, halte sie sogar für einen mir bislang noch unbekannten Typ von Wirtschaftsgebäuden, doch ein Einheimischer klärt mich bald auf: "Das sind provisorische Behausungen, von Kolchosangehörigen errichtet, die noch kein richtiges Haus besitzen."

Ein geeignetes Plätzchen für unser Zelt finden wir am Ij, der etwa zwei Kilometer weiter in den Bi-Chem mündet. Ganz in der Nähe weiden einige Dutzend Kühe und Pferde, und in einiger Entfernung kann man die ins Ufer gerammten Pfosten des hier im Bau befindlichen Staudamms für ein kleines Kraftwerk erkennen.

In unmittelbarer Nachbarschaft steht so ein "provisorisches" Haus, wie ich es gerade erwähnt habe. Seine niedrigen Wände und das leicht gewölbte Dach bestehen aus Lärchenrinde, die auf ein Holzgestell genagelt ist; Fenster gibt es keine. Wirklich eine "provisorische" Behausung, aber wohl immer noch besser als ein Tschum und sicher wärmer, geräumiger und haltbarer.

Ein paar kleine Jungen aus der Siedlung haben sich eingefunden und starren uns mit unverhohlener Neugier an. Ich bemühe mich, ihnen so verständlich wie möglich etwas über den Zweck unseres Hierseins zu erzählen. Ein pfiffiger Zwölfjähriger erbietet sich schließlich, wenn auch etwas verlegen, uns zu zeigen, wo hier Kyrgan-aschak wohnen, d.h. alte Leute, die uns bei unserer Arbeit behilflich sein könnten. Von Stund an läuft er bis zu unserem Aufbruch denn auch eifrig mit mir durch die Siedlung, spürt entsprechende Informanten auf, unterstützt mich, wenn ich Wohnstätten und alle möglichen Gerätschaften vermesse, und ist sichtlich stolz darauf.

Bald lernen wir auch den hiesigen Kolchosvorsitzenden kennen, einen umgänglichen Tuwiner, der erst vor kurzem aus Westtuwa hierher übergesiedelt ist. Wir erfahren, daß schon mehr als die Hälfte aller in Nord- und Westtodsha umherziehenden Nomaden einem Kolchos beigetreten sind, daß man Jäger- und Viehzüchterbrigaden organisiert habe. Eine Jägerbrigade beispielsweise bestehe aus Gruppen von drei bis fünf Leuten, die ihr eigenes Revier haben. Sie erhalten vom Kolchos sowohl Ausrüstung als auch Rentiere und Proviant. Ab Ende Oktober bis Ende Dezember - während der "ersten Tour" in der Taiga - begibt sich jeder Jäger für sich auf Rentieren zur Jagd. Auf die "zweite Tour" geht man im Januar, wenn viel Schnee liegt; dann betreibt man die Jagd ohne Rentiere, und zwar auf Schneeschuhen. In der Taiga trennt man sich dann, jeder jagt den ganzen Tag über selbständig, für sich allein, und erst abends trifft man sich an einem vereinbarten Ort wieder. Die Jagd ist nach wie vor die Haupterwerbsquelle des Kolchos.

Wir lenken das Gespräch dann auf unsere Expedition. Zu meiner Verwunderung rät der Vorsitzende ganz entschieden von einem Ritt ins Gebirge ab. "Die Rene suchen die kahlen Berggipfel auf, um sich vor dem Ungeziefer zu retten, das ihnen schwer zu schaffen macht, aber Sie, was wollen Sie dort?" In beredten Worten beschreibt er alle Schwierigkeiten, die unser dort harren: "Selbst erfahrene Geologen kommen bisweilen nicht wieder. Reiten muß man auf Jägerpfaden und Wildwechseln. Die sind schwer auszumachen, man verirrt sich leicht. Hin und zurück, das sind Hunderte von Kilometern ohne Weg und Steg durch unpassierbare Sümpfe. Genaue Karten hat man nicht, permanente Siedlungen gibt es dort nirgends, und die Nomadenlager sind auf keiner Karte verzeichnet. Wenn Ihnen etwas zustößt, haben Sie von nirgendwoher Hilfe zu erwarten. Um zu sehen, wie die Rentierzüchter leben, brauchen Sie doch nicht Ihr eigenes Leben zu riskieren. Hier wohnen mehrere alte Leute, ehemalige Nomaden, die werden Ihnen gern alles erzählen."

Ich wende ein: "Ein Ethnologe muß genau wie ein Künstler alles mit eigenen Augen sehen." Schließlich läßt der Vorsitzende, wenn auch ungern, meine Argumente gelten und verspricht, für die Expedition Pferde und einen erfahrenen Führer zu beschaffen.

Als wir von dieser Unterredung zurückkommen, sehen wir schon von weitem über der Behausung unseres Nachbarn Rauch aufsteigen. Ein Knie angewinkelt, sitzt an deren Eingang ein Mann im Gras. Als wir näher heran kommen, erhebt er sich. Er ist hager, klein, in seinem bartlosen, faltigen mongoloiden Gesicht fallen besonders die gütigen Augen auf. Er trägt einen abgewetzten dunklen Chalat von tuwinischem Zuschnitt mit dem traditionellen Ausschnitt auf der linken Seite. Als Gürtel dient ein zusammengedrehtes Stück Stoff von unbestimmbarer Farbe. Er hat tuwinische Stiefel an mit den charakteristischen nach oben gebogenen Spitzen. Vervollständigt wird sein Aufzug durch eine alte Schirmmütze.

"Ekii! (2)" begrüßt er uns . "Wie war die Reise?" Auch erkundigt er sich höflich nach unserem Woher und Wohin. Ich frage nach seinem Namen, seinen Vorfahren. "Ak Kotschaga aus der Sippe Dargan", erwidert er und fügt mit freundlichem Lächeln hinzu: "Treten Sie doch ein!" Gebückt gehen wir in seine Hütte, wo am Feuer Kotschagas Tochter hantiert. Der Hausherr bietet uns den Ehrenplatz gegenüber dem Eingang an, setzt sich dann selbst zu uns. Unter dem linken Schoß seines Chalats holt er einen Tabaksbeutel hervor, zieht aus dem Stiefelschaft seine lange tuwinische Pfeife, stopft sie und setzt sie in Brand.
(2) Ekii = tuwinistisch: Guten Tag

Allmählich gewöhne ich mich an das Halbdunkel in der Hütte und betrachte neugierig deren bescheidene Einrichtung. Uber mir schaut zum Rauchabzug der rosa Abendhimmel herein. In der Mitte des Fußbodens aus Erdreich befindet sich der quadratische Herdplatz, mit Brettchen abgegrenzt und mit Lehm verschmiert. An einem eisernen Dreifuß hängt ein gußeiserner Teekessel über dem Feuer. Auf dem Boden ausgebreitet liegen Rindenstücke und abgewetzte Felle, die als Läufer dienen. Links vom Eingang schläft ein angepflocktes Kälbchen, rechts sieht man ein niedriges, mit Fellen bedecktes Bett. Auf ein paar Wandbrettern stehen Holzeimerchen, ein größerer Teekessel, flache Teetassen aus Porzellan. Gegenüber dem Eingang bemerke ich zwei dunkelrote Holztruhen mit ausgeblichenen gelblichen Verzierungen, daneben zähle ich sechs Lederbeutel. Auf Truhen und Beuteln liegen Kleidungsstücke, Angelgerät, ein Sattel, ein uraltes Steinschloßgewehr mit Stützgabeln. Uber uns zieht sich von einer Wand zur anderen eine Schnur, darauf sind Stücken von Käse aufgefädelt, den man hier, wie wir erfahren, auf Vorrat trocknet.

Wir trinken in aller Ruhe gesalzenen Tee mit Milch und führen ein langes Gespräch in tuwinischer Sprache; russisch versteht Kotschaga kaum. Ich bitte ihn, etwas über sich und seine Sippe zu erzählen.

"Meine Sippe Dargan ist im Norden Todshas am Cham-Syra, am Tschawasch, Kadyr-Os und anderen Taigaflüssen umhergewandert", beginnt der alte Mann seinen Bericht. "Wir besaßen Rentiere und gingen auf Jagd. Wir lebten in Tschum, in ihnen wurde geboren und gestorben. Unsere Sippe war nicht eben groß, nur dreißig, vierzig Tschum gehörten dazu. Es heißt, in alter Zeit hätten wir weiter im Süden gelebt, und in dieser Gegend hier seien Angehörige der Sippe Chaasyt umhergewandert. Die Chaasyt hätten einen unserer Knaben getötet, aber kein Bußgeld gezahlt, sondern Krieg mit uns angefangen. Da hätten meine Vorfahren die Chaasyt vertrieben, in deren Gebiet aber zogen wir nun umher."

"In welchem Alter sind Sie eigentlich erstmals auf Jagd gegangen?" frage ich Kotschaga.

"Bei uns wurde einem Jungen das Jagen beigebracht, wenn er zehn, zwölf Jahre alt war, aber ich hatte meinen Vater früh verloren, ich war erst neun, als ich zum erstenmal auf Jagd ging, konnte kaum das Gewehr halten. Aber ich hatte Glück an jenem Tag, es war im März. Ich entdeckte im Kobel eines Eichhörnchens einen Zobel und erlegte ihn. Ich war damals sehr glücklich darüber, mir kommt es vor, als wäre das erst in diesem Frühjahr geschehen. Wir besaßen nur wenige Rene, mit denen wir in der Taiga umherzogen. Es war ein ärmliches Leben. Jetzt sind die Leute in den Kolchos eingetreten, auch ich. Seitdem wandere ich nicht mehr umher, lebe hier mit Tochter und Sohn."

Aus dem Gespräch erfahre ich auch, daß Kotschaga die Taiga liebt und und sehr gut kennt, und was das wichtigste ist: Unsere geplante Route führt durch Gegenden, die der alte Mann von seinen früheren Wanderungen her kennt. Mir gefällt die geradlinige Art Kotschagas, seine ruhige Art, das Leben zu sehen, sein Verständnis für unsere Aufgaben. Und mir kommt der Gedanke, daß er sicher einen guten Führer abgeben würde, und so frage ich ihn angelegentlich, ob er bereit sei, in den nächsten Tagen mit uns ins Gebirge zu den Rentierzüchtern zu ziehen. Er überlegt eine Weile mit gesenktem Kopf, ehe er leise antwortet:

"Ich gehe mit, wenn Sie mich nehmen. Den Pfad finde ich schon. Nur muß zuvor noch der Ulug-targa gefragt werden, ob er mich alten Mann schickt."

Mit Ulug-targa ("großer Chef") meinte Kotschage hier den Kolchosvorsitzenden; mit diesem Wort bezeichneten die Tuwiner damals übrigens alle Leiter.

Unsere Aufforderung, sowie das Bewußtsein, andern noch nützlich sein, ihnen helfen zu können, bereitet Kotschaga Freude, das merkt man. Ein scheues, dankbares Lächeln liegt auf seinem etwas müden Gesicht. Und auch ich bin froh, da sich das Führerproblem auf so einfache Weise gelöst hat. Ich möchte nun so schnell wie möglich aufbrechen. Mein Beschluß, Kotschaga als Führer mitzunehmen, findet allerdings nicht spontan die Billigung des "großen Chefs". Der berät sich erst noch mit einem Alteingesessenen, der die Leute hier gut kennt, und bringt dann seine Bedenken zum Ausdruck: "Kotschaga ist zwar ein guter Jäger und Fährtenkenner, aber eben doch schon recht alt. Es wird ihm schwerfallen, euch in die Berge zu führen, in die er schon lange nicht mehr jagen geht. Außerdem ist er wohl, wie man munkelt, noch in den Vorstellungen des Schamanismus befangen, sein Großvater ist selber Schamane gewesen…

" Ich aber halte dem entgegen, es käme uns sogar sehr gelegen, daß der alte Mann noch überlebten Sitten und Gebräuchen anhänge, wir seien ja eben Ethnologen. Schließlich gibt der Vorsitzende doch seine Einwilligung.

Tschinggis-Chan bestraft einen Fluß
Vor unserem Aufbruch unterhalte ich mich eines Abends mit dem alten Kol Kuular in dessen Tschum. Als ich von ihm erfahre, daß er aus der Sippe Kesek-kuular stammt, erkundige ich mich, ob er noch etwas über deren Herkunft und Vergangenheit wisse.

"Vor langer, langer Zeit wanderte meine Sippe in der Steppe umher, weit von Todsha entfernt", beginnt er. "Die Leute lebten in Filzjurten, besaßen eine Menge Vieh - Pferde, Kamele. Später mußten sie in diese Gegend hier ziehen, wo meine Ahnen, Menschen der Steppe, auf Taigabewohner stießen. Sie wanderten in den Flußtälern umher, gingen in die Taiga auf Jagd. Eines Tages im Frühjahr aber kam Tschinggis-Chans Heer hierher an den Ij. Meine Sippe lebte damals an diesem Fluß, wollte aber nicht mit dem feindlichen Heer zusammenstoßen. Deshalb zogen die Kesek-kuular in eine andere Gegend fort. Tschinggis-Chan wußte nicht, wo der über seine Ufer getretene Fluß am besten zu überqueren war, einen Führer aber konnte er nicht finden. So kamen in dem reißenden Fluß viele Krieger um, sogar der Lieblingshengst des Chans ertrank. Früher hingegen sei, wie man erzählt, das Wasser der Flüsse stets zurückgewichen, wenn Tschinggis-Chan hineinritt. Den packte aber jetzt die Wut, er zitierte seinen Schamanen herbei und befahl diesem, sowohl den Fluß als auch die verschwundene Sippe Kesek-kuular zu bestrafen. Der Schamane vollzog seine Beschwörungen, damit der Fluß niemals wieder über seine Ufer trete, und jene Sippe niemals mehr umherziehen könne. Am folgenden Tage setzte ein Sandsturm ein, wie man ihn in dieser Gegend noch nie erlebt hatte. Alle Jurten der Sippe Kesek-kuular wurden bis zu den Spitzen der Stangengerüste unterm Sand begraben. Seit jener Zeit sind die Angehörigen unserer Sippe nie mehr umhergewandert. Nur ein paar Leute waren übriggeblieben, und es gab nur noch wenig Vieh. Die Menschen lebten nun in Flußnähe in ihrem Tschum und betrieben Jagd in der Taiga. Der Ij aber ist seitdem kein einziges Mal mehr über die Ufer getreten."

"Von den Kesek-kuular gibt es hier nur noch vier Familien. Ich selbst bin in dieser Gegend aufgewachsen, habe hier gejagt und gefischt. Nun bin ich dem Kolchos beigetreten. Meine Wirtschaft ist nur klein - eine Kuh und ein Kalb. Offen gesagt, meine Frau und ich haben es schwer. Unser Sohn ist in der Taiga umgekommen, wir sind alt geworden. Ich sehe schon schlecht, und Zähne habe ich auch nur noch wenige. Wenn die Einkünfte des Kolchos steigen, wird es vielleicht auch uns besser gehen.

" "Da ist Ihre Sippe also eine Sippe von Flußmenschen, wie man hier die Talbewohner wohl nennt?" frage ich.

"Ja, so ist es. Alle, die in Flußtälern leben und keine Rentierzucht treiben, sind Chemde (3). Nicht nur die Angehörigen meiner Sippe sind Chemde, auch die der Sippen Ak-todut, Kara-todut, Chaasyt und anderer. Alle Chemde haben zum Sumon Kol gehört . Bei den Rentierzüchtern gab es die Sumon Ak-tschoodu, Kara-tschoodu, Chojük. Die Leute vom Sumon Chojük (4) sind aber, als ich noch klein war, fast alle an den Pocken gestorben."
(3) Chemde = Flußmenschen
(4) Sumon= eine alte administrative Einheit in Tuwa

"Und wie werden die Rentierzüchter von den Flußmenschen genannt?" "Sie nennen sie Tschoodu." Erklären konnte mir der alte Mann zwar nicht, weshalb die Rentierzüchter so heißen, später aber bekam ich heraus, daß Tschoodu der alte Name eines großen Taigastammes im Sajan gewesen ist, von dem die Todshiner-Sippen Kara-tschoodu ("Schwarze Tschoodu"), Ak-tschoodu ("Weiße Tschoodu") und Tschogdu ihre Herkunft ableiten. Schon in ferner Vergangenheit müssen die nach hier eingewanderten Steppenbewohner mit ihnen zusammengetroffen sein. So ist also ein Stammesname zu einem Sippennamen geworden - in der ethnischen Geschichte der Völker keine Seltenheit.

Was war an dieser Erzählung über die Sippe Kesek-kuular nun wahr, was erdichtet? Sicher ist darin die Geschichte dieser alten Sippe etwas verändert dargestellt worden. Tschinggis-Chan selbst ist nicht in Tuwa gewesen, doch die Unterwerfung der "Waldvölker" im Altai und Sajan durch seine Krieger unter Führung seines ältesten Sohnes Dschötschi ist eine Tatsache. Die "Geheime Überlieferung", die schon im 13. Jahrhundert verfaßte Chronik der Mongolen, berichtet, daß im Jahr des Hasen (1207) zu den von Dschötschi unterworfenen Waldvölkern auch Chanchassen- und Tubassenstämme gehörten, die man als ferne Vorfahren der Todshiner betrachten kann. Bei dieser Unterwerfung haben die Mongolen keine großen Verluste erlitten, denn sie stießen auf keinen ernsthaften Widerstand. Aus der erwähnten Chronik wissen wir, daß Tschinggis-Chan sich bei seinem Sohn Dschötschi für dessen Sieg über die Waldvölker bedankt hat, der "ohne Verluste an Menschen und Pferden" errungen worden war.

In der Erzählung des alten Kol Kuular ist noch ein weiteres wichtiges Faktum enthalten. Einige Gruppen nomadisierender Viehzüchter wanderten aus Steppengebieten nach Todsha ein und nahmen hier eine neue Lebensweise an. Dafür kann man aber wohl kaum die mongolischen Eroberer verantwortlich machen; eher spielte dabei wohl die neue natürliche Umwelt, der sich die ehemaligen Steppenbewohner nun anpassen mußten, eine Rolle. Richtig ist ebenfalls, daß die Steppenbewohner auch hier die Viehzucht beibehielten, obwohl die hiesigen Weideflächen größeren Schaf- und Ziegenherden nicht genug Nahrung boten. Also fehlte es nun an genügend Wolle zur Herstellung von Filz zum Abdecken der Jurten. Wahrscheinlich gingen aus diesem Grund die Leute nun dazu über, ihre Behausung, den Tschum, aus Baumrinde zu errichten, wie es ja ihre Nachbarn, die Taigabewohner, auch taten. Daß die Vorfahren der Kesek-kuular früher in der Steppe gelebt haben, wird ferner dadurch erhärtet, daß bis heute in der Steppe von Zentraltuwa Nachkommen der Sippe Kuular leben, die zweifellos mit den Kesek-kuular von Todsha verwandt sind. Das Wort "kesek" bedeutet zudem ja ganz einfach "Teil".

Im Tal des Ij
Den letzten Tag vor unserem Aufbruch nutzte ich, um nach archäologischen Denkmalen zu suchen und ethnographisch interessante Dinge für unser Museum zu erwerben. Eine dieser Erwerbungen muß ich besonders erwähnen: In einem Hause entdeckte ich hier ein auffälliges hölzernes Gefäß. Es ähnelte so gar nicht den Holzeimerchen, die ich bislang gesehen hatte, erinnerte vielmehr ganz seltsam an alte Keramik. Das Gefäß hatte einen kurzen Hals, war bauchig und wies ein originelles Ornament in Form von eingeschnittenen Linien auf. Ich fragte den Besitzer, ob das Gefäß schon vor längerer Zeit geschnitzt worden sei und von wem. Ich erfuhr, der Großvater habe es hergestellt, und der sei Ende des 19. Jahrhunderts gestorben. "Früher haben viele Leute solche Gefäße besessen, heute aber sieht man sie kaum mehr", meinte der Hausherr und überließ es ohne Bedauern dem Museum. Zweifellos stellte es einen "Nachhall" alter Kulturen im Herzen Asiens dar, und die galt es im Sajan erst noch zu erkunden.

Ein paar Tage hatten wir für die Erkundung des Ij-Tales und für einen Besuch des Uschpe-Chol verwendet, eines Sees, der bei der einheimischen Bevölkerung als heilig gilt. Mit uns ritt auch Kol Kuular, der die Gegend hier ausgezeichnet kannte. Am Ij entlang zog sich als lange schmale Zunge ein Streifen Steppe hin mit hohem Gras und vielen Blumen. Besonders zahlreich war Edelweiß, das regelrechte silbrig schimmernde Teppiche bildete. Plötzlich bemerkte ich in der Steppe einen einzelnen riesigen, mehr als zwei Meter hohen länglichen Steinbrocken von dunkler Farbe. Neben ihm erblickte ich im Gras und auf niedrigen Büschen bunte Fetzen, einen leicht verrosteten Teekessel, Parfümfläschchen, ein paar Knöpfe und Roßhaarbüschel.

"Das ist der Inek-dasch"(5) , erklärte Kol Kuular. "Hier soll ein Eesi-Geist wohnen. Früher, in meiner Jugendzeit, da haben sich bei ihm jedes Jahr im Juli sämtliche Angehörigen unseres Sumon Kol eingefunden und ein Fest zu Ehren des Steingeistes gefeiert. Eesi sollte, so meinte man, stark sein und Menschen wie Vieh helfen, aber auch Schaden zufügen können. Man schlachtete einen Hammel, trank Araka, Milchwodka, veranstaltete Spiele und Pferderennen, erflehte vom Geist Wohlergehen für Mensch und Vieh."
(5) Dasch = tuwinistisch: Kuhstein

Am Abend des folgenden Tages erreichten wir den Upsche-Chol, der vor dem Hintergrund der bis in weite Ferne sich hinziehenden Wälder und der blauen Berge einen reizvollen Anblick bot. Ich sah mich schon nach einem Plätzchen für unser Nachtlager um, da meinte Kuular:

"Nicht weit von hier gibt es einen Owa, wenn der Sie interessiert, laßt uns dorthin reiten. Es ist nicht weit, nicht weiter, als man braucht, um eine Pfeife zu rauchen."

Ein Owa ist ein Heiligtum, eine Art Altar für einen Geist der Taiga, der Berge. In Zentraltuwa hatte ich solche Owa öfter auf Pässen vorgefunden, dort meist in Form von Steinhaufen. Nun war ich gespannt, wie sie hier wohl aussehen mochten.

Kaum eine Viertelstunde später haben wir eine mit hohem Gras bestandene Lichtung vor uns. In ihrer Mitte ist eine kegelförmige, allerdings zusammengesackte dunkle Laubhütte zu erkennen, an die zwei Meter hoch, aus dürren Zweigen errichtet - der Owa. An seiner Südseite führt ein Einstiegsloch ins Innere. Um die Hütte herum gibt es senkrecht stehende Stangen mit kürzeren und längeren bunten Lappen daran.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich muß ins Innere der Hütte kriechen, rutsche also auf dem Bauche hinein. Drinnen ist es feucht und dunkel. Im Licht der Streichholzflamme bemerke ich einen Querbalken, darauf verschiedene Läppchen, ein paar Stöckchen mit Bändern, rechts davon auf dem Erdboden zwei hölzerne mit Ocker angemalte Schwerter, etliche angespitzte Stäbe und ein Häufchen Steine, darauf wiederum Holzfigürchen - ein Pferd, eine Kuh -, ferner einige aus Birkenrinde herausgeschnittene Rentiere, Pferde, ein Eichhörnchen, einen Fuchs und einen Zobel. Auch eine leere Schnapsflasche findet sich…

"Was sollen die Figürchen von Tieren im Owa?" erkundige ich mich, als ich wieder draußen bin.

"Geschenke für Sug-eesi, den Herrn des Sees. Leute bringen sie ihm zum Geschenk dar, damit es mehr solcher Tiere gebe, damit er Mensch und Vieh Gesundheit schenke", erwidert Kuular. "Die Schwerter und Lanzen haben Lamas hingelegt. Ihr Glaube verlangte das. Vielleicht, um böse Geister von diesem Platz zu verscheuchen", klingt es weniger überzeugt.

"Und wer hat den Owa errichtet, wer pflegte hierherzukommen?"

"Den Owa haben die Leute dort errichtet, wo der Schamane es für richtig hielt. Jedes Jahr im Frühling hat man hier ein Fest gefeiert, das 'Owa-tagyr'. Man ging abends hin, schlachtete einen Hammel, bewirtete Eesi damit, aß anschließend selbst davon. Auch legte man Bänder sowie Figürchen von wilden Tieren und Haustieren auf den Owa. Neben der Hütte betete man dann, und zwar noch vor Dunkelheit, bevor die Sonne untergegangen war. Man wandte sich in die verschiedenen Himmelsrichtungen, wandte sich an Eesi, erbat von ihm Gesundheit für sich und das Vieh, betete, daß es mehr Wild in der Taiga geben möge und man Glück bei der Jagd habe."

Diese heilige Hütte ließ mich an Feliks Kon denken. Irgendwo in Todsha ist er ebenfalls einmal auf einen Owa mit Figürchen von allerlei Tieren gestoßen. Einer der Todshiner, die ihn damals begleiteten, sagte zu ihm: "Jetzt wird es viele Zobel geben." Auf Kons Frage, wie er denn darauf komme, antwortete der Todshiner: "Den Owa hat man in diesem Jahr eigens deswegen aufgestellt, damit das Vieh sich gut vermehrt und das Wild im Wald nicht verschwindet."

Der Schamanenbaum
Wir sind bereit, ins Gebirge aufzubrechen - Pferde sind gemietet, die Sachen gepackt. Doch unerwartet beginnt es zu regnen, ein anhaltender kalter, monotoner Nieselregen. Es regnet tagaus, tagein fast ohne Unterbrechung. Alles ist feucht und klamm geworden, die Umgebung in dichten Nebel gehüllt. Endlich, nach einer langen Woche, die uns wie eine Ewigkeit vorkommt, hört der Regen auf. Ein leichtes Lüftchen trägt die niedrig über der Siedlung hängenden Wolken nach oben, hin und wieder schaut die Sonne durch. Morgen geht's los!

In aller Frühe reiten wir am Sonntag den Bi-Chem entlang, sind froher, gehobener Stimmung. Endlich hat die Arbeit richtig angefangen. Rechts und links rauscht jahrhundertealter Wald, links kann man bisweilen das Flußbett sehen. Unsere Karawane ist nicht eben groß: drei Reiter - Baltschiba, Kotschaga und ich -, dazu ein Packpferd. Als Gepäck führen wir ein Dreimannzelt, Schlafsäcke, Filmmaterial, Zeichenpapier, eine kleine Apotheke und einen recht bescheidenen Lebensmittelvorrat mit uns. Bewaffnet sind wir gut: Ich habe einen Karabiner, den mir die hiesige Miliz abgelassen hat, Baltschiba hat ein Jagdgewehr umgehängt, und Kotschaga konnte sich nicht von seinem vorsintflutlichen Steinschloßgewehr mit Stützgabel trennen.

"Habe mich nun einmal daran gewöhnt, es schießt gut und genau. Wozu soll ich alter Mann es gegen ein anderes eintauschen?" meint er als Erklärung dafür, daß er das ihm vom Kolchos angebotene nicht genommen hat.

Schon sind wir an die drei Stunden unterwegs, bald müssen wir den in den Bi-Chem mündenden reißenden Cham-Syra erreichen. Plötzlich zügelt der vorn reitende Kotschaga sein Pferd und zeigt auf eine einsame alte Lärche:

"Ein Cham-yjasch (6). In ihm wohnt ein Taiga-Eesi."
(6) Cham-Yjash = tuwinistisch: Schamanenbaum

Ein etwas ungewöhnlicher Baum. Die unteren Zweige sind seltsam ineinander verschlungen, behängt mit bunten Bändchen, Stoffetzen, Roßhaarbüscheln. Kotschaga zieht aus dem Ausschnitt seines Chalats einen Stoffstreifen hervor, den er vorsorglich von zu Hause mitgebracht hat, und verneigt sich tief vor dem Baum, bittet um gute Reise und unser aller Wohlergehen, bindet den Streifen an einen der unteren Äste. Dann rät er mir, es ihm gleich zu tun.

"Menschen müssen Cham-yjasch Geschenk machen - Münze hinwerfen, Läppchen oder Roßhaarbüschel anhängen. Taiga-Eesi darf man nicht kränken."

Ich hole eine Münze aus meiner Tasche und werfe sie, als ich den beifälligen Blick unseres Führers auffange, an den Fuß der Lärche. Baltschiba zieht ein Tuch hervor, reißt ein Fetzchen davon ab und knüpft es schweigend an einen Zweig, blickt dabei allerdings etwas mißmutig zu mir herüber.

Beim Weiterreiten erzählt Kotschaga, daß mit diesem Baum ein ganz spezieller Kult verknüpft ist. Hatte jemand einen solchen Nadelbaum mit ineinander verschlungenen Ästen gefunden, holte er einen Schamanen herbei. Der zelebrierte bei dem Baum ein besonderes Ritual, den "Alganyr", und zwar unbedingt bei Tage, nicht bei Einbruch der Dunkelheit, wie sonst üblich, und er trug dabei auch nicht sein rituelles Gewand, benutzte keine Schellentrommel. Er brachte ein Rentier oder ein Schaf zum Opfer dar. Man glaubte nämlich, nach einer solchen Weihe werde der Baum zum Schamanenbaum, in dem nun der Geist der Gegend wohne. Diese "Gottheit" wurde zum Beschützer der Familie des Mannes, auf dessen Bitte hin der Schamane der Ritus der Baumweihe vollzogen hatte. Nach dem Tode des "Besitzers" dieses Baumes erbte jenen der Sohn.

Kotschaga meinte, solche Schamanenbäume gebe es in Todsha an den verschiedensten Stellen. Fast jeder Schamane, viele Familien und jede Sippe besaßen einen. Die Sippe Kesek-kuular hatte ihren heiligen Baum an der Mündung des Ij, die Sippe Urat den ihren auf dem Berg Ottug-Dag und die Sippe Chaasyt am Oberlauf des Tschawasch. Von einem heiligen Baum darf man keine Zweige abschlagen oder abbrechen. Man glaubt, der Baumgeist werde dadurch erzürnt und dem Menschen Schaden zufügen, d.h. der Betreffende unweigerlich erkranken.

"Jener Baum da gehörte dem Schamanen Demtschi-cham", berichtet Kotschaga weiter. "Jedes Jahr zu Sommerbeginn kam er hierher, beköstigte ihn und bat ihn um Glück und Gesundheit. Einmal bin ich mit ihm hier gewesen, habe alles mit angesehen. Er hat ein Schaf geschlachtet und zerteilt. Kiefer mit Schlund, Luftröhre, Lunge und Herz hat er an einen Ast gehängt, so seinen Cham-yjasch gespeist. Das restliche Fleisch wurde gekocht und von allen, die damals hier waren, gemeinsam aufgegessen."

Anklänge an die kultische Verehrung heiliger Bäume haben sich bei vielen Völkern bis in unsere Tage erhalten. Die Neujahrstanne der Russen ist im Grunde genommen ja auch so ein ferner und längst vergessener Nachhall dieses Kults.

"Was wird aber nun mit dem Baumgeist, wenn der Baum verdorrt?" will ich wissen.

"Wenn der Geist den Cham-yjasch verläßt, verdorrt der Baum. Für dessen Besitzer ist das dann ein sehr schlechtes Vorzeichen. Ihn erwartet Krankheit, vielleicht auch der Tod. Ein verdorrter Baum heißt Syra. Auch dieser Fluß da", unser Führer weist in die Richtung, in der wir ziehen, "heißt auf tuwinisch Cham-syra, also 'verdorrter Schamanenbaum'. Warum, das weiß ich nicht", fährt er fort, offensichtlich bemüht, meinem nächsten "Warum?" zuvorzukommen.

Am Chamsara
Erneut reiten wir am Bi-Chem entlang. Der Wald ist nun licht, viele Birken, zahlreiche kleine Lichtungen. Hin und wieder erblicken wir gestreifte Backenhörnchen. Auf den Hinterpfoten sitzend, schauen sie neugierig zu uns herüber und pfeifen aufgeregt. Die Flußufer sind hier höher und steiler, die Strömung ist reißender geworden, immer wieder hört man Stromschnellen rauschen. An Uferkrümmungen stoßen wir mitunter auf ruhige flache Buchten, in denen sich der Abendhimmel und die über das Wasser geneigten Bäume und Büsche spiegeln. Einmal bemerke ich ein kleines Tier mit silbrigbraunem Fell, das sich mit gekrümmtem Rücken fortbewegt. Mein erster Gedanke: eine Katze! Doch Kotschaga erklärt lachend:

"Ein Kundus (7)! Schönes wertvolles Fell. Muß seine Höhle ganz in der Nähe haben. Fischreiche Gegend hier, die Schnellen frieren im Winter nicht zu. Er hat hier sein Revier."
(7) Kundus = tuwinistisch: Fischotter

Noch bei Tageslicht gelangen wir an den Chamsara (auf tuwinisch Cham-Syra), den man schon von ferne rauschen hört. Der Fluß ist breit und reißend. Auf dem gegenüberliegenden Ufer sieht man den Tschum des Fährmanns und sein Boot. Auf unser Rufen hin kommt er herübergefahren, geschickt die Bootsstange handhabend. Während wir noch warten, erzählt Kotschaga, hier verlaufe der Amyl-Pfad, der über den Sajan hinweg nach Zentraltuwa und in die Minussinsker Steppe führt. Jenseits des Chamsara müssen wir diesen Weg verlassen und sind dann auf unsichere Jägerpfade angewiesen.

Da es schon dunkelt, schlagen wir unweit der Überfahrtsstelle unser Zelt auf, sammeln trockene Zweige für ein Feuer. Die gute Stimmung in unserem ersten Nachtlager in der Taiga wird lediglich von den Mücken und Gnitzen beeinträchtigt, die gierig über uns herfallen. Ich öffne eine Konservendose, Baltschiba füllt Tee in unsere Becher und will schon mit dem Mahl beginnen, da gebietet ihm Kotschaga mit einer schroffen Gebärde Einhalt:

"Erst muß der Geist der Taiga beköstigt werden!"

Unser Führer gießt etwas Tee auf den Löffel und spritzt ihn mit kurzen Handbewegungen in die vier Himmelsrichtungen, stößt dabei leise Rufe aus. Er nennt die Namen der nächstgelegenen Flüsse und Berge, holt dann aus der Dose ein Krümelchen Fleisch, wirft es ins Feuer und spricht dann in fast singendem Tonfall folgendes Gebet:

Ich bitte dich, Geist,
laß uns nichts Schlechtes widerfahren!
Du mein Land, ihr hohen Berge!
Wendet Schlechtes ab, bringt Gutes,
erbarmt euch!

Baltschiba lächelt etwas ironisch, will damit das Verhalten des alten Mannes gewissermaßen entschuldigen, und schlürft seinen Tee. Ich kann ihn verstehen, ist er doch in einem Internat aufgewachsen, belesen und - wie die tuwinische Jugend in jener Zeit ganz allgemein - atheistisch eingestellt. Als Kotschaga Baltschibas Lächeln bemerkt, empfindet er offensichtlich Kummer.

"Wozu sich über alten Mann lustig machen?" meint er vorwurfsvoll. "Feuer hat seinen Eesi, Berge haben Eesi. Warum Geister kränken? Heute behauptet man, es gibt keine Eesi, auch du, Baltschiba, sagst, es gibt sie nicht. Ich denke aber, es gibt sie doch. Mir haben Eesi, wenn ich sie gebeten habe, stets geholfen", und erneut flüstert er kaum vernehmbar ein Gebet.

Wir kommen dann auf das Wetter zu sprechen. Ein bißchen spöttisch wirft Baltschiba dem alten Mann vor, er habe sich in seinen bei unserem Aufbruch verkündeten Prophezeiungen wohl geirrt, das Wetter sei doch ausgezeichnet, kein Regen. Kotschaga ist bekümmert, daß man ihm nicht glaubt.

"Wird langen Regen geben, nachts kommt er. Wild und Vögel wissen das, sagen die Wahrheit. Die Backenhörnchen, du hast es gehört, die haben heute immerzu gepfiffen, auf ihre Art gesungen: 'Nachts Regen, Regen, Regen!' Und der Kuckuck hat aus Ärger über baldigen Regen so heiser gerufen."

Baltschiba und ich kriechen bald in unsere Schlafsäcke, Kotschaga aber lehnt den Schlafsack kategorisch ab, er könne so eingesperrt nicht schlafen. Er legt sich auf sein mitgebrachtes altes Fell und deckt sich mit einem abgetragenen Pelz zu, den er wahrscheinlich eigens dafür mitgenommen hat.

Es geht schon auf den Morgen zu, da beginnt plötzlich der Wald dumpf und geheimnisvoll zu rauschen. Rasch stärker werdender Regen trommelt auf das Zelt, dessen dünne Wände unter den Sturmböen flattern - ein Gewitter tobt. Mitunter klingen die Donnerschläge wie Peitschenknall und bedrohlich nahe, und die Blitze erhellen für einen Augenblick das Zeltinnere mit kaltem blauem Licht. Baltschiba schläft ebenfalls nicht, scheint dem Getöse der entfesselten Elemente zu lauschen. Kotschaga dagegen hat wohl schon mehr als einmal so ein Unwetter in der Taiga erlebt und schnarcht leise vor sich hin.

Wir stehen zeitig auf, frühstücken rasch und setzen unseren Ritt nach Nordosten in Richtung Bulambuk fort. Der Regen hat zwar aufgehört, aber der Himmel ist noch von kompakten Wolken überzogen. Kaum haben wir aber fünf Kilometer zurückgelegt, da setzt erneut starker kalter Regen ein. Jetzt begreift auch Baltschiba, daß man Kotschagas Wettervoraussagen durchaus trauen kann.

Der Wald wandelt allmählich sein Gesicht, Nadelbäume herrschen nun vor - Tannen, Lärchen, Zedern (Zirbelkiefern). Zottige Moossträhnen hängen an den dunklen Stämmen. Das Erdreich ist feucht, bald mit Flecken weichen Mooses, bald mit grünlich-schwarzem Wasser bedeckt, aus dem Sumpfpflanzen herausragen. Ringsum herrscht Dämmerlicht, daß man den Pfad kaum noch erkennen kann, häufig versperren ihn umgestürzte Bäume mit hoch emporstrebenden Wurzeltellern. Das also ist sie, die urwüchsige Nadelwaldtaiga von Todsha!

Noch mehrere Stunden vergehen, doch es gießt und gießt. Unsere Kleidung ist völlig durchnäßt, aber haltzumachen hat keinen Sinn, der Regen würde jetzt, will man Kotschaga glauben, lange nicht aufhören.

Auf einer Lichtung erblicke ich plötzlich eine hohe Lärche, auf deren unteren Zweigen breite, mit Kamus (8) bezogene tuwinische Schneeschuhe hängen . Wer mag die wohl hier aufgehängt haben und wozu? Etwa eine weitere Form von Geisterkult? Ich erkundige mich bei Kotschaga.
(8) Kamus = tuwinistisch: Fell von Läufen von Huftieren, insbesondere Rentieren

"Im Frühjahr sind hier Leute vorbeigezogen. Es wurde warm, wozu da noch Schneeschuhe? Im Herbst kommen sie zurück, werden sie dann wieder mitnehmen."

In einiger Entfernung sind die dunklen nackten Stützstangen von fünf Tschum sowie Spuren von Feuerstellen zu erkennen. Als Kotschaga meinen neugierigen Blick bemerkt, fährt er fort: "Hier war im Frühjahr ein Lager. Dann sind Leute fortgewandert. Wozu Stangen mit sich herumschleppen? Man nimmt nur die Abdeckungen mit sich, die Stangen läßt man zurück. Die Schneeschuhe dort, auch die haben diese Leute hingehängt."

Ob die Stangen von denselben Familien wiederbenutzt werden, die sie auch aufgestellt haben, möchte ich wissen.

"Stangen haben keinen Besitzer. Jeder kann seine Abdeckungen darauf legen und so einen Tschum bauen. Schneeschuhe aber sind persönliches Eigentum. Niemand nimmt, was ihm nicht gehört. Du kannst hier deinen Beutel hinhängen; wenn du nächstes Jahr wiederkommst, ist alles noch drin. Du kannst zurücklassen, was du willst, niemand wird es anrühren. Die Schneeschuhe holt nur derjenige, dem sie gehören."

Als wir ein Stück weitergeritten sind, sehe ich auf Bäumen etliche Rentiergeweihe.

Kotschaga erklärt: "Muß so sein. Hat man ein Rentier erlegt, darf man Geweih nicht wegwerfen, die Seele des Tiers nicht erzürnen. Mag es dort hängen!"

Unser Weg führt bergan, den Pässen entgegen, aber immer noch geht es durch dunklen Nadelwald. Zwischen dem Moos sind oft ausgedehnte Bestände von Preiselbeeren, Blaubeeren, Sumpfporst und weißen Rentierflechten zu erkennen. Doch dann verläuft der Pfad wieder bergab, und schon reiten wir erneut an mit üppigem Gras bestandenen Lichtungen entlang. Stellenweise wiegen sich im Wind weiße Blüten mir unbekannter Pflanzen, in denen ein Reiter fast verschwindet.

Plötzlich flattern vor uns zwei Haselhühner auf und gehen nicht weit davon wieder nieder. Unsere Lebensmittelvorräte sind knapp, eine Ergänzung wäre willkommen. Als ich sehe, daß Baltschiba das Gewehr von der Schulter nimmt, rate ich ihm, lieber auf den jetzt gerade am Schluß reitenden Kotschaga zu warten, der sei ein erfahrener Jäger, ihm entgehe die Beute gewiß nicht. Doch Baltschiba, von sich überzeugt, schießt trotzdem, und ohne abzusitzen. Der Schuß kracht - die Vögel fliegen auf und davon. Ich bin nicht gerade böse darüber, mache meinem Gefährten aber doch Vorwürfe wegen seines unangebrachten Selbstvertrauens.

"Die erste Plinse gerät nicht, der erste Schuß geht daneben!" pariert er mein Knurren mit einem von ihm etwas abgeänderten russischen Sprichwort und lächelt, allerdings ein wenig schuldbewußt. Er ärgert sich wohl doch über sein Pech.

Die Taiga nimmt wieder ein düsteres Aussehen an. Immer häufiger stoßen wir auf Sümpfe, die Hufe der Pferde patschen ständig in Wasser. Hin und wieder müssen wir sogar absitzen und die Tiere am Zügel führen, wenn es besonders morastig wird. Die Tiere versinken aber trotzdem manchmal buchstäblich im Schlamm, und es kostet dann nicht geringe Mühe, sie wieder herauszuzerren.

Wir sind bis auf die Haut durchnäßt. Zwar hat der Regen aufgehört, doch eine Erleichterung bedeutet das für uns kaum. Auf dem schmalen Pfad streifen wir ständig nasse Zweige, es ist uns, als stünden wir dauernd unter einer Dusche. Unerwartet gelangen wir an den Rand eines tiefen Cañons und reiten eine ganze Weile buchstäblich über dem Abgrund dahin, jeden Augenblick gewärtig, von dem schmalen, schlüpfrigen Pfad in die Tiefe zu stürzen. An einer Stelle kommt meine "Rosinante" mit den Hinterbeinen ins Rutschen, gleitet langsam und verkrampft an den Rand des Abgrunds. Ein paar Sekunden sitze ich starr vor Schreck im Sattel, doch die hiesigen Pferde scheinen an derartige Tücken im Gebirge gewöhnt zu sein. Ein jäher Ruck, und mein Tier hat die gefährliche Stelle glücklich überwunden.

Eine Stunde später biegt der Pfad auf eine alte Waldbrandstelle ab. Hier wird es trotz der dunklen knorrigen, verbrannten Stämme ohne Rinde ungewöhnlich licht. Aber unser Weg hat weiterhin seine Tücken. Häufig streifen wir verbrannte dürre Äste, die uns und den Pferden schmerzhafte Kratzer beibringen.

Schließlich erreichen wir eine große hügelige, mit Buschwerk bestandene Lichtung, auf der sich uns ein seltsames und bedrückendes Bild bietet - die geschwärzten Überreste eines aus dicken Balken gefügten eingeschossigen Blockhauses. Unmittelbar aus den Fenstern heraus wachsen hohe Birken. Anstelle des Daches gähnen schwarze Löcher, aus einem blickt der Wipfel einer Tanne. Neben dem Haus Reste zweier weiterer Gebäude, ferner ein halbverfaulter Bretterzaun. Aufmerksam mustern wir diese Ruinen und entdecken plötzlich niedrige, im Gras verborgene Hügelchen, wahrscheinlich Gräber. Ich erkundige mich bei Kotschage, wer einst hier gewohnt haben mag.

"Ich selbst habe nichts gesehen, aber Leute erzählen, vor langer Zeit habe hier eine russische Familie gelebt. Alle sind an den Pocken gestorben. Nur ein alter Mann ist übriggeblieben. Er hat seine Angehörigen begraben, ist aber nicht wieder unter Menschen gegangen, wahrscheinlich in der Taiga umgekommen."

Sicher ist diese Geschichte wahr und dieses Haus tatsächlich von einer Familie russischer Kolonisten errichtet worden, die zu zaristischer Zeit in diese entlegene Gegend gekommen ist, um hier ihr Glück zu suchen. Es ist bekannt, daß russische Bauern schon im 19. Jahrhundert damit begannen, sich in Tuwa anzusiedeln. Sie gelangten aus dem Minussinsker Gebiet auf verschiedenen Wegen dorthin, unter anderen auf dem Amyl-Pfad auch nach Todsha. So entstanden in Tuwa Siedlungen russischer Bauern und Goldsucher, später kamen auch russische Kaufleute und kleine Unternehmer. In Todsha aber vermochten die Bauern wegen der hier herrschenden besonderen klimatischen Bedingungen keinen Ackerbau zu betreiben, sie befaßten sich je nach Möglichkeit mit Viehzucht, Jagd und Fischfang. Zudem war die bäuerliche Kolonisierung von Todsha unbedeutend. Die russischen Bauern lebten hier in kleinen Anwesen, die über die Taigatäler verstreut und mitunter weit voneinander entfernt lagen. Die materielle Situation der Kolonisten war recht unterschiedlich - neben reichen Unternehmern, Kaufleuten und Großbauern gab es ärmliche Wirtschaften. Im Tal des Chamsara befand sich an dessen Mündung in den Bi-Chem zu Beginn des Jahrhunderts das reiche Anwesen des Adligen Mosgalewski, Nachkomme eines Dekabristen. Mosgalewski trieb Handel mit Fellen und Fisch, beförderte die Ware auf Flößen den Jenissej abwärts, versuchte auch, Getreide und Gemüse anzubauen, half der einheimischen Bevölkerung. In der Zeit von Revolution und Bürgerkrieg verließ er Todsha, aber die Tuwiner erinnerten sich noch lange dieses von ihnen verehrten Russen, den sie Karasal ("Schwarzbart") nannten. Der sowjetische Schriftsteller Wladimir Tschiwilichin fand viele Jahre später in Archiven Dokumente, die es ihm ermöglichten, in seinem 1983 erschienenen Buch "Erinnerung" die segensreiche Tätigkeit Mosgalewskis in Todsha nachzuzeichnen.

"Es ist vorgekommen, daß auch ganze tuwinische Aal (9) ausstarben ", meint Kotschaga. "Die Tschum stehen noch, die Bewohner aber sind nicht mehr am Leben, alle sind gestorben."
(9) Aal = tuwinistisch: Lager nomadisierender Rentierzüchter und Jäger

Eine Beschreibung derartiger Vorkommnisse kann man auch bei Pjotr Maslow finden, der Anfang der 1930er Jahre in Todsha bei einer Volkszählung mitgearbeitet hat. So schrieb er u.a., eine Gruppe von Zählern sei in Todsha auf einen verlassenen Aal gestoßen, in dem "die Birkenrindentschum mit den verrotteten Gebeinen von Menschen in typisch tuwinischen Chalaten vor Altersschwäche schief standen, die Abdeckung verfault war und Gras auf dem Tschumboden wucherte. In jedem so zu einer Gruft gewordenen Tschum hatte sich der gesamte Hausrat vollständig und unberührt erhalten". Alle Bewohner waren 1924 an einer Pockenepidemie gestorben.

Etwas wehmütig verlassen wir das verwaiste Anwesen. Kaum hundert Meter weiter führt uns der Pfad zu einem dunklen, fast schwarzen und sicher tiefen See glazialer Entstehung mit zugewachsenen Ufern. Eben fliegt ein Schof Enten auf uns zu, will sich vor einem Habicht in Sicherheit bringen. Dieser packt einen der Vögel, steigt damit schwerfällig in die Höhe. Die übrigen Enten sind nur wenige Meter von uns entfernt. Baltschiba ist im Nu abgesessen, reißt das Gewehr von der Schulter und schießt zweimal. Mit den Pfoten nach oben schaukeln drei kleine Enten unweit vom Ufer auf dem Wasser.

"Getroffen!" schreit Baltschiba erfreut. Da er nicht schwimmen kann, ziehe ich mich aus und steige widerwillig ins eiskalte Wasser, um die Enten zu holen. Es dauert lange, bis ich in meiner noch regennassen Kleidung wieder warm werde. Aber nun haben wir Fleisch für das Abendessen.

Duell der Marale
Immer schwieriger wird es, den Pfad überhaupt noch auszumachen. Wahrscheinlich hat ihn schon lange niemand mehr benutzt, er ist von Moos und Gras überwuchert, bald hier, bald da versperrt ihn Windbruch. Trotzdem erkennt Kotschaga selbst hier oft Tierfährten... ...



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Schnee und Eis in unteren Hanglagen, wie hier auf dem Lake Ellerslie, sind in gemäßigten Breiten eher die Ausnahme.

Entnommen aus dem Buch "Kanadas vergessene Küste".

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Unser nächster Titel: Geheimnisvolles Tuwa - Expeditionen in das Herz Asiens.

Erscheinungsdatum: Herbst 2004

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